Der Nikolaus und die letzte Tür
Etwa 3 Minuten · ab 3 Jahren · zum Ausklingen des Abends
Der Nikolaus war schon die halbe Nacht unterwegs. Der Schnee knirschte unter seinen Stiefeln, und neben ihm stapfte Milo, sein kleiner grauer Plüsch-Esel. Milo schnaubte weiße Wölkchen in die kalte Luft, und an seinen langen Ohren hingen zwei Schneeflocken, die einfach nicht schmelzen wollten.
In jedem Haus hatten die beiden etwas hinterlassen. Eine Handvoll Nüsse hier, einen roten Apfel dort, in einem Stiefel sogar einen Lebkuchen, der noch nach Honig roch. Der Sack auf Milos Rücken war dabei immer leichter geworden. Jetzt schlackerte er nur noch hin und her.
An der letzten Tür des Dorfes blieben sie stehen. Vor der Schwelle stand ein einzelner Stiefel, geputzt bis in die Spitze, und daneben lag ein gemaltes Bild. Der Nikolaus griff in den Sack. Er tastete in die eine Ecke und in die andere. Der Sack war leer.
„Das ist ungünstig", sagte der Nikolaus leise. Er setzte sich auf die kalte Stufe und schaute die Straße hinunter, dorthin, wo die Fußspuren der langen Nacht im Schnee lagen. Zurückgehen konnte er nicht mehr. Bis zum Morgen war es nicht mehr weit.
Milo legte den Kopf schief. Dann trat er einen Schritt vor und stupste mit der Nase gegen die kleine Ledertasche am Sattel, einmal, und dann noch einmal fester. Der Nikolaus machte den Verschluss auf. Darin lag tatsächlich noch etwas: eine winzige Holzfigur, ein Esel mit langen Ohren, die er selbst geschnitzt hatte, an einem Abend, an dem ihm langweilig gewesen war.
Er stellte sie behutsam in den Stiefel, genau in die Mitte, damit sie nicht umfiel. Dann legte er seine Hand kurz auf Milos warmen Hals. „Manchmal", sagte er, „weiß eben der Esel besser Bescheid als der Nikolaus." Milo antwortete nicht. Er drehte sich nur um und ging langsam voran, zurück durch den Schnee, und der Nikolaus ging hinterher.
Mias Stiefel vor der Tür
Etwa 3 Minuten · ab 3 Jahren · für den Abend vor dem 6. Dezember
Mia putzte ihren linken Stiefel dreimal. Beim ersten Mal wurde er sauber, beim zweiten Mal glänzte die Spitze, und beim dritten Mal machte sie es nur noch, weil es sich gut anfühlte. Ihr Plüsch-Hase Pauli saß neben ihr auf dem Fußboden und sah ihr dabei ganz genau zu.
Dann stellten die beiden den Stiefel vor die Wohnungstür. Mia rückte ihn zurecht, bis er genau in der Mitte der Fußmatte stand. Draußen im Treppenhaus war es dunkel und still, drinnen roch es nach Zimt und nach dem Kakao von vorhin. Zuletzt legte Mia ein gemaltes Bild daneben, damit der Nikolaus auch wusste, wem der Stiefel gehörte.
Im Bett war an Schlafen erst einmal nicht zu denken. Mia hielt Pauli fest und zählte die Streifen auf ihrer Bettdecke. Sie überlegte, ob der Nikolaus wohl leise sein konnte. Ob er klingeln würde. Ob er die richtige Tür fand, jetzt, wo unten im Hausflur das Namensschild fehlte.
Zweimal wachte sie in dieser Nacht auf. Beim zweiten Mal nahm sie Pauli mit, schlich zur Wohnungstür und legte das Ohr an das kalte Holz. Nichts. Kein Schritt, kein Rascheln. Nur der Kühlschrank brummte in der Küche, so wie in jeder anderen Nacht auch. Mia ging zurück ins Bett und schlief irgendwann doch ein.
Am Morgen stand sie vor dem Stiefel und traute sich zuerst gar nicht hin. Er war voll. Obenauf lagen Mandarinen, dazwischen Nüsse und ein paar Sterne aus Goldpapier, die im Flurlicht blinkten. Ihr gemaltes Bild lag noch da, aber jemand hatte es umgedreht.
Und ganz oben, quer über den Mandarinen, lag eine zweite Karotte. Eine kleine, krumme, mit Grün daran. Mia hob sie hoch und drehte sich zu Pauli um, der an ihrem Arm hing wie immer. „Ich glaube", sagte sie, „die ist für dich."
Der Wichtel hinter dem Bücherregal
Etwa 3 Minuten · ab 4 Jahren · für die Adventszeit
Hinter dem Bücherregal im Kinderzimmer wohnte ein Wichtel. Am Tag schlief er zwischen zwei Kisten, in denen schon lange niemand mehr nachgesehen hatte, und nachts arbeitete er. Sein einziger Freund war ein kleiner Plüsch-Igel, der auf dem untersten Regalbrett saß, nie umfiel und nie müde wurde.
In der ersten Adventsnacht stellte der Wichtel die Hausschuhe der Kinder ordentlich nebeneinander, beide Paare, Spitze an Spitze. Es dauerte lange, weil ein Hausschuh unter dem Bett lag und der Wichtel ihn erst mit beiden Armen herausschieben musste. Der Igel schaute vom Regal aus zu.
In der zweiten Nacht legte er einen Tannenzapfen mitten auf den Frühstückstisch. In der dritten kletterte er auf die Fensterbank und malte mit dem Finger einen Stern an die beschlagene Scheibe. Von unten sah der Stern ein bisschen schief aus, aber das machte ihn nur schöner.
Der Igel half, so gut ein Plüsch-Igel eben helfen kann. Er hielt die Taschenlampe, indem er sich einfach dagegenlehnte und stehen blieb. Einmal rutschte sie ihm weg und rollte scheppernd über das Regalbrett. Die beiden erschraken sehr. Aber im Zimmer atmeten die Kinder ruhig weiter, und nach einer Weile ging die Arbeit weiter.
Gegen Morgen wurde der Wichtel müde. Er strich dem Igel über die Stacheln und schob ihn ein winziges Stück zur Seite, damit er besser aus dem Fenster schauen konnte. Dann verschwand er hinter dem Regal.
Als es hell wurde, suchten die Kinder das ganze Zimmer ab. Sie schauten unter das Bett, hinter den Vorhang und in die Kiste mit den Bauklötzen. Sie fanden niemanden. Nur der Stern am Fenster war noch da. Und der Igel saß ein kleines Stück weiter rechts als am Abend zuvor, genau so, dass er hinausschauen konnte.