Pina und die letzte Wolke
Etwa 3 Minuten · ab 3 Jahren · zum Einschlafen
Auf der Talwiese, dort wo der Bach eine Schleife macht, wohnte ein kleines Einhorn namens Pina. Ihr Fell war so hell wie warme Milch, ihre Mähne schimmerte rosa und blau, und ihr Horn sah aus wie geschliffenes Glas. Jeden Abend hatte Pina dieselbe Aufgabe: Sie musste die letzte Wolke des Tages über den Hügel schieben. Erst dann durfte es Abend werden.
An diesem Tag lag die Wolke besonders faul über dem Teich. Sie war dick und rund und rührte sich nicht. Pina stellte sich davor, senkte den Kopf und schob. Die Wolke gab nach wie ein weiches Kissen und kam gleich wieder zurück. Pina schob noch einmal, fester. Diesmal blieb ein Fetzen Wolke an ihrem Horn hängen, kühl und kitzelig wie Nebel.
„Du musst da rüber", sagte Pina leise. „Sonst wird es nicht Abend." Die Wolke antwortete nicht. Wolken antworten nie. Aber sie wurde ein bisschen flacher und breiter, so wie jemand, der sich im Bett ausstreckt.
Also hörte Pina auf zu schieben. Sie legte sich neben die Wolke ins Gras und wartete einfach ab. Im Schilf fingen die Frösche an. Eine Fledermaus zog zwei Runden über das Wasser und war wieder fort. Das Gras unter Pinas Bauch wurde langsam kühl.
Dann kam der Abendwind über den Hügel. Er strich durch die Birken, lief über den Teich, und die dicke Wolke setzte sich von allein in Bewegung. Ganz langsam schwebte sie davon und nahm das letzte rosa Licht mit. Hinter dem Hügel wurde alles weich und blau.
Pina stand auf und ging den Bach entlang nach Hause. Zwischen den zwei krummen Birken, die aussehen wie ein Tor, bog sie ab in ihre Mulde aus Moos. Sie legte sich hin und zog die Beine an. Ihr Horn leuchtete noch einen Moment ganz schwach, so wie eine Kerze, die man gerade ausgepustet hat. Dann war auch das vorbei, und über der Talwiese war es still.
Fenn und das Horn, das nicht leuchten wollte
Etwa 4 Minuten · ab 4 Jahren · zum Mutmachen
Wenn auf der Talwiese die Dämmerung kam, gingen die Hörner an. Bei Juna wurde es golden, bei Tibo hell wie Milch, bei den Zwillingen ganz hinten sogar ein bisschen grün. Nur bei Fenn blieb es dunkel. Sein Horn war grau wie ein Kiesel aus dem Bach, und daran änderte sich Abend für Abend nichts.
Fenn übte. Er kniff die Augen zu und hielt die Luft an. Er dachte an die hellsten Dinge, die er kannte: an Sonne auf Wasser, an frischen Schnee, an das Blitzen, wenn ein Fisch aus dem Bach springt. Er stand dabei ganz still, damit nichts kaputtging. Und wenn er die Augen wieder aufmachte, war es immer noch dunkel um ihn herum.
Die anderen waren freundlich. Das war fast das Schlimmste. „Kommt schon noch", sagten sie im Vorbeigehen, und dann galoppierten sie weiter, und ihre Hörner zogen kleine helle Streifen durch den Abend. Die alte Marla sagte etwas anderes. „Es kommt, wenn es gebraucht wird." Fenn fand, dass ihm das überhaupt nicht half.
Dann kam der Abend mit dem Nebel. Er stieg vom Bach herauf, weiß und dicht, und schluckte zuerst das Schilf, dann die Weiden und zuletzt den ganzen Hang. Aus dem Erlengebüsch am Wasser rief jemand. Es war Nuss, der kleine Hase, und er rief nicht laut, sondern so, wie man ruft, wenn es einem furchtbar peinlich ist.
Die anderen standen oben am Hügel, weit weg und über dem Nebel. Fenn war der Nächste. Er ging los. Nach drei Schritten sah er seine eigenen Hufe nicht mehr. Er tastete sich vorwärts, fühlte mit den Beinen nach Wurzeln und Steinen und blieb immer wieder stehen, um zu horchen. „Ich komme", rief er. „Ruf einfach weiter."
Er fand Nuss zwischen zwei Wurzeln, kalt und mit einem Ohr voller Blätter. Fenn legte sich neben ihn ins nasse Gras, bis das Zittern weniger wurde. Dann standen sie auf und gingen langsam los, Nuss dicht an Fenns Seite. Fenn achtete nur auf den Weg, auf den Bach rechts und den Hang links, und darauf, nicht zu schnell zu werden.
Nuss merkte es zuerst. „Fenn", sagte er und blieb stehen. Vor ihnen lag ein warmer heller Fleck auf dem Nebel, und er wanderte mit, wenn sie weitergingen. Fenn schielte nach oben. Sein Horn leuchtete. Nicht viel. Gerade so weit, dass man drei Schritte weit sehen konnte. Also genau so weit, wie sie es brauchten.
Oben auf der Wiese fragte niemand etwas. Marla nickte ihm einmal zu, mehr nicht. Fenn brachte Nuss noch bis zum Bau, sagte gute Nacht und legte sich in seine Mulde. Am nächsten Morgen war das Horn wieder grau wie ein Kiesel. Fenn schaute es lange an. Dann ging er frühstücken.